Geschichtliche Parallelen Geschichte und Anekdoten von Bremm und Kloster Stuben
C. Hauptmann, 1911 Die Mosel von Cochem bis Bernkastel

Die Mosel
von Cochem
bis Bernkastel

Auszug aus dem Buch
von C. Hauptmann, 1911

Stuben Seiten 4 bis 8
Von Eller nach Bremm und zur Peterskapelle Seiten 88 bis 92
Von Bremm nach Alf Seite 93 ff.
     

...Wir schreiten unter der hohen Eisenbahnbrücke her, deren zierliche Eisenkonstruktion wie ein Spinngewebe von einem Ufer zum anderen gespannt ist. Soeben rollt ein Zug mit donnerndem Getöse darüber her, welches nach kaum einer Minute ebenso plötzlich wie es begonnen hat, verstummt. Der Zug ist in dem Tunnel des Petersberges verschwunden. Die Reisenden, die er beförderte, haben kaum Zeit gehabt, die beiden Landschaftsbilder zu bewundern, welche sich ihnen nach dem Verlassen der nachtdunklen Finsternis des Cochemer Tunnels hier geboten haben. In luftiger Höhe über der Mosel schwebend, sahen sie links in das langgestreckte, von Rebengeländen und waldigen Höhen begleitete grüne Moseltal hinein, während vor dem rechtsseitigen Waggonfenster der Calmond seine steilen mit Reben gezierten Schroffen hoch bis zum Himmel hebt – aber kaum hat das Auge diese erfasst, da umgibt den Reisenden wieder pechschwarze Finsternis, der Zug durchbraust den Tunnel des Petersberges und wie eine Vision schwebt ihm noch das grüne Tal und der schroffe Berg im Gedächtnis.

Stuben

Aber wir freuen uns der herrlichen Ausschau, die sich uns hier von unserer Straße zeigt. Gerade vor uns und rechter Hand steigen die steilen Schieferhänge das Calmond zu schwindelnder Höhe hinauf. In ihrem der Mittagssonne zugekehrten Halbrund klettert die Rebe bis zur äußersten Grenze ihres Gedeihens empor, wo struppiges Gebüsch an ihre Stelle tritt. Ein breiter, leuchtend grüner Wiesenplan zieht sich auf der Gegenseite des Flusses bis zum Maiengrün des Waldes, blühende Obstbäume zeichnen die zarten Schatten ihrer rosigen Kronen darauf.

Inmitten dieser Maienpracht hebt sich trauernd die langgestreckte schmale altersgraue Ruine einer Kirche. Gotische Fenster reihen sich in der Länge des ganzen Gebäudes, welches nach oben, in gerader glatter dachloser Linie endet. Hier und dort sieht man die schwarzen Streifen von Mauertrümmern, in der Nähe der Kirche sich durch die leuchtenden Wiesen ziehen. Es sind die Reste des Klosters Stuben. Im Hintergrunde zeigen sich die ersten Häuser des Dorfes Bremm und seine Kirche. Als das Kloster im Jahre 1136 gegründet wurde, wählte man dazu die damals in der Mosel liegende St. Nikolas-Insel. Im Laufe der Zeit haben Hochwasser und Eisstauungen den Fluss mehr auf den Calmond hin verschoben und den jenseitigen Flussarm mit Geröll angefüllt, so daß die Ruine jetzt auf dem rechten Moselufer liegt. Ihr gotischer Stil zeigt, daß sie nicht der ursprünglichen Gründung angehört, sondern später entstanden ist, aber in ihre mag doch wohl noch Kaiser Maximilian gekniet haben, der auf seinem Zuge zum Reichstage in Trier, im Jahre 1512, hier abstieg, um dem heiligen Nikolaus seine Verehrung zu erweisen.

Ein Ritter namens Egelolf war der Gründer de Klosters, an dessen Stelle ein Gehöfte stand; er übergab daßelbe dem Abt Richard von Springiersbach, eine Abtei, welche nicht weit von hier, an der Alf liegt, damit er ein Frauenkloster nach der Regel des heiligen Augustinus gründe. Seine Tochter Gisela wurde die erste Vorsteherin und seine Verwandten steuerten alles, was sie gemeinschaftlich mit ihm besaßen, dazu bei. In der Bestätigungsurkunde verordnete der Legat des päpstlichen Stuhles, Erzbischof Albero, daß die Zahl der Schwestern nie über 100 steigen dürfe. Trotz seiner durch den Lauf der Mosel geschützten Lage wurde das Kloster anfangs sehr durch die umwohnenden Ritter geschädigt., auch lagerten sie sich wochenlang in seinen Höfen, unter dem Vorwande, dort als Vogte die Aufsicht zu führen. Besonders die Herren von Arras taten sich hierin hervor. Um dem Kloster Ruhe zu schaffen, musste endlich der Kirchenbann über diese Herren ausgesprochen werden. Das half. Die Trierer Erzbischöfe machten vielfach reiche Zuwendungen dem Kloster, so Erzbischof Hillin, der ihm die von ihm erbaute Peterskapelle mit ihren Gefällen übergab. Die höchste Blüte erreichte jedoch das Kloster Stuben, als Heinrich, Herr von Uelmen, demselben einen Behälter mit Teilen des heiligen Kreuzes schenkte. Er war bei der Stürmung von Konstantinopel und der Plünderung der Hagia Sophia gewesen und bracht von dort zahlreiche Reliquien mit. Die kostbarste derselben war der vorher erwähnte Behälter, welcher von den griechischen Kaisern Konstantin VIII. und Romanus herrührt. Sie hatten ihn zum Dank für erkämpfte Siege in der Sophienkirche aufstellen lassen, seine Hauptkapsel umschloss eine Partikel des heiligen Kreuzes, die Nebenkapseln andere Reliquien. Es war ein prachtvolles, reich mit Gemmen, Perlen und Edelsteinen geschmücktes Kunstwerk. Auch noch andere Reliquien schenkte Heinrich von Uelmen dem Kloster, darunter einige Dornen aus der Dornenkrone des Erlösers.

Bei dem Einbruch der Franzosen wurden diese Schätze auf das rechte Rheinufer gerettet, sie kamen in den Besitz des Herzogs von Nassau und bilden jetzt einen Hauptteil des Domschatzes von Limburg.

Als das Kloster in den Besitz dieser Reliquien gelangt war, kamen zahlreiche Wallfahrer zu der früher so stillen Moselinsel; in den drei Sommermonaten des Jahres 1208, als die Reliquien dort zum ersten Male der Verehrung der Gläubigen dargeboten wurden, betrugen die milden Gaben fast an 40 Goldgulden. Vom 15. Jahrhundert an fing Kloster Stuben infolge der unruhigen Zeiten an zu sinken; gar häufig mussten die Conventualinnen sich flüchten, der längere Aufenthalt derselben außerhalb des Klosters ließ die Zucht erschlaffen, überdies stiegen fortwährend die Schulden desselben. Im 18. Jahrhundert war die Zucht des Klosters so gesunken, daß öffentlicher Tadel darüber ausgesprochen wurde, und als im Jahre 1790 die Zahl der Schwestern auf 6 zurückgegangen war, verwandelte der Erzbischof von Trier, Clemens Wenzeslaus, daßelbe in ein freies Stift adeliger und bürgerliches Jungfrauen, die jedoch meist außerhalb des Klosters von ihren Pfründen lebten. Dieser Zustand dauerte jedoch nur vier Jahre, dann kamen die Franzosen, da Kloster wurde, wie so viele andere, verkauft und dem Verfall überlassen.

Könnte man sich sieben Jahrhunderte zurückversetzen, so würde man in dem Kloster dort vielleicht einen alten Bekannten antreffen, der, wie es scheint, im Jahre 1208, als die Reliquien zum ersten Male im Kloster Stuben gezeigt wurden, die Mosel hinauf gepilgert ist - Cäsarius von Heisterbach, dessen Spuren wir später auch noch an anderer Stelle im Moselkrampen finden werden. In dem 14. Kapitel einer Distinctio de daemonibus nämlich beginnt er: „In festo omnium Sanctorum, hoc anno cum essem cum Priore meo in Insula sancti Nycholai, quae vulgo Stupa vocatur, et est monasterium sanctimoniatium, vidimus ibi puellam ante adventum nostrum obsessam sed tunc beneficio reliquiarum liberatam.“ (Als ich am Allerheilgentage dieses Jahres mit meinem Prior auf der St. Nikolas-Insel war, die gewöhnlich Stuben genannt wird, sahen wir dort ein Mädchen, welches vor unserer Ankunft besessen und durch die Wohltat der Reliquien geheilt worden war. Er erzählt dann weiter, wie durch die Auflegung der Dornen aus unseres Herrn Dornenkrone diese Heilung erfolgte, wodurch auch die Echtheit der Dornen erwiesen sei.)

Den Behälter der Reliquien nennt er bei dieser Gelegenheit eine golden Tafel. An anderer Stelle schreibt er dann, daß die Äbtissin Irmingardis ihm auch den Grund der Besessenheit diese Mädchens, welches aus Cochem stammte und Harddyfa hieß, erzählte, der in einer Verunehrung des Altarsakramentes bestanden habe. Vor dem geistigen Auge entsteht da unwillkürlich ein Bild aus dem Mittelalter. Wir sehen am Abende des Allerheiligentages die beiden Mönche aus dem Kloster Heisterbach im Kloster Stuben am Herdfeuer bei einem Glas Wein sitzen, der Novembersturm heult um Kamine und bei der ungewissen rötlichen Beleuchtung des Feuers hören sie andächtig den wunderbaren Erzählungen der Domina Irmingardis magistra de Insula sancti Nicholay zu...

Von Eller nach Bremm und zur Peterskapelle - Seiten 88 bis 92

Bei dem am Ausgange des Cochemer Tunnels gelegenen Eller beginnt ein neuer Abschnitt des Moseltales. Von Coblenz bis Cochem treten die Felsen am engsten an den Fluß heran, in Moselkrampen stellt eines der beiden Ufer meistens eine anmutige Hügellandschaft der schroff ansteigenden Gegenseite gegenüber, während von Eller ab, das Tal moselaufwärts breiter wird und einen ganz anderen, aber darum nicht weniger schönen landschaftlichen Charakter zeigt.

Es ist, als ob hier bei Eller die Mosel die Schönheiten, die ihr unterer Lauf uns bietet, noch einmal in dem grandiosen Schlußakkord zusammenfassen wollte, welchen der hohe Calmond mit seinen bis zum Himmel steigenden Rebenterrassen, mit dem gegenüberliegenden waldgrünen Petersberg und der stillen Ruine des Klosters Stuben, die sich träumend in der klaren Fläche des grünen Flusses spiegeln, bildet.

Aber ehe wir weiter moselaufwärts pilgern, widmen wir einige Minuten dem sich so behäbig darbietenden Dorfe Eller, dessen mächtige alte Häuser nur wenig von ihrem früheren Charakter bewahrt haben, den das Burghaus mit seiner an der Landstraße liegenden ehemaligen Kapelle nur noch in seiner versteckten Seitenfront aufweist.

Gehen wir zu der hochliegenden Kirche, so zeigt sich vor ihr auf unserer linken, eine arg verwahrloste dem heiligen Rochus gewidmete und nun als Lager dienende Kapelle, deren spätgotische zierliche Formen, wieder auf den Baumeister von Clotten und Ediger hingewiesen. Wie schade, daß das so rassig hingepinselte spätgotische Bild an ihrer Straßenseite fast zur Unkenntlichkeit ausgelöscht ist. Man erkennt einen Bischof und eine andere Figur in mittelalterlicher Tracht; die gotischen Schriftzüge scheinen „St. Severus“ und „St. Arnolphus“ wiederzugeben. Darunter liest man in derselben Schrift: „Arnolphus“, der heilt zur Stundt, Menschen, Vieh und rasende Hundt.“

Der Turm der Kirche, zu welcher wir nun hinaufsteigen, weist romanische Formen auf, das barocke Portal zeigt die Jahreszahl 1718, in welchem die Kirche dem damaligen Geschmack entsprechend umgebaut wurde. Der zierliche ältere Chor scheint wieder von dem Baumeister der Kirchen von Clotten und Ediger herzurühren, ein schöner Grabstein mit lebensgroßer Figur meldet uns, daß hier der im Jahre 1611 gestorbene Schöffe und Bürgermeister Theys Kulwer begraben liegt. Ein sehr schönes, neuerdings polychromiertes barockes Flachrelief auf dem rechten Seitenaltare stellt die heilige Maria mit dem Jesuskinde und neutestamentliche Begebenheiten dar; seiner Inschrift nach stammt es aus dem Jahre 1621.

Wir gehen nun wieder zur Mosel zurück, um unsere Wanderung flußaufwärts fortzusetzen. Wir überschreiten neben der Eisenbahn den Ellerbach, wo früher eine uralte Kapelle den Heiligen Hubert und Arnolphus geweiht sich erhob, welche die Jagdgrenze bildete, sie ist der Eisenbahnbrücke zum Opfer gefallen, die hoch über unserer Landstraße und der Mosel hängt.

Nun wandern wir die warme sonnige Straße hinauf, welche die Steilhänge des 381 Meter hohen Calmond begleiten, näher und näher rückt uns die Ruine des Klosters Stuben, deren Trümmer sich dunkel von den frühlingsgrünen Wiesen abheben, bald zeigen sich die ersten Häuser des Dorfes Bremm, dessen weißer Kirchturm den höchsten Punkt des Dorfes bildet. Gar sonderbare alte Bauten sind es, die uns hier am Eingange des Dorfes begrüßen, dann stehen wir vor einem ganz hervorragend schönen Fachwerkbau, der leider zum Teil hinter einem modernen Neubau sich versteckt. (Seite 8 und 90.)

Die Kirche des Ortes verdient unter allen Umständen einen Besuch, auch sie ist von dem Baumeister der Kirche von Ediger, aber von regelmäßiger Bauart, sie macht in ihrer jetzigen neuen Rekonstruktion eine ungemein reichen Eindruck. Ob dieselbe bei dieser Neuerrichtung, welche durch Baufälligkeit nötig geworden war, ganz in der ursprünglichen Weise wieder hergestellt worden ist, lassen wir dahin gestellt.

Bremm gegenüber beginnt ein Wallfahrtsweg zu der über Kloster Stuben sich erhebenden Kapelle des Petersberges. Wir lassen uns von dem Fährmanne übersetzen, dessen Nachen uns in wenigen Minuten über die hier so stille klare Flut führt. Ehe wir auf den maigrünen Hochwald zuschreiten, wandern wir eine kurze Strecke durch die hellen Wiesen auf die einsame Kirchenruine zu, sie zeigt nur wenige Einzelheiten, welche von Interesse sind, das Barock-Portal, welches wir von der Gegenseite zu erblicken glaubten, erweist sich bei näherer Betrachtung als aufgemalt. Wie sonderbar, daß in der kurzen Zeit eines Jahrhunderts hier so alles bis auf wenige Reste verschwinden konnte!

Nun steigen wir unter dem hellgrünen Laubdache des Buchenwaldes bergan, verfallene Stationsbilder zeigen, daß er in früheren Zeiten begangener war wie jetzt. Oben angelangt, zieht der Weg sich noch weiter über den Kamm des Gebirges bis zu der einsamen Kapelle, die nach zwei Seiten zur Mosel hinunterschaut, welche hier eine der engsten Krümmungen ihres ganzen Laufes zieht.

Das Innere der Kapelle ist schmucklos, ein Barockaltar der selben stammt aus dem Kloster Stuben. Nur selten zeigt sich ein Beter in ihren Räumen, denn die engere Gemeinde, welche sie umgibt, ist eine gar stille, es sind die Toten des jenseits des Berges gelegenen Dorfes Neef.

Aber welche wunderbare Aussicht biete dieser Friedhof, besonders moselaufwärts in den Teil des Tales, welchen der Petersberg uns bis jetzt wie ein Riegel verschlossen hielt. Links erblicken wir, unter uns, das Dorf Neef, rechts Aldegund. In der Mitte den Bergrücken, der zur Marienburg ausläuft, auf dessen höchstem Punkte ein Aussichtsturm steht. Nach der anderen Seite sehen wir das Moseltal unterhalb Bremm, den Bahnhof von Eller und seinen Tunnelausgang, der uns gerade gegenüber liegt. Aus der dunkelen Oeffnung quillt Rauch hervor, dann zeigt sich ein Zug, in dessen kohlenbeladene Wagen wir hineinschauen, er donnert unter uns über die Eisenbahnbrücke und nachdem er den Tunnel verlassen hat, entquillen wieder neue Rauchwolken der schwarzen Tiefe.

Noch lange sitzen wir auf der niedrigen Kirchhofmauer und schauen in des lachende Tal hinunter, warme Maiensonne glänzt über uns, ein lauer Windhauch läßt die falben Totenkränze der einfachen Kreuze leise knistern. Aber wie ganz anders mag es auf dieser Höhe sein, wenn Winterstürme die arme Kapelle umbrausen, wenn der kleine Turm unter seinem Drucke ächzt und Kränze und Schleifen, der Schmuck der Toten, in schaurigem Wirbel wieder hinunter zu den Wohnungen der Lebenden im Tale steigen. Das sehen wir jetzt noch auf dem Steilhange des Berges unter uns, der ganz besät mit diesen Zierden der Gräber erscheint.

Aber so ganz verlassen sind die Toten des Dorfes Neef doch nicht hier oben, denn nun sehen wir, wie eine Frau mit einem kleinen Kinde hier eintritt, um an einem der Gräber zu beten.

Der Weg nach Neef hinunter zieht sich an einem schwindelerregend steilen Abhang entlang, der ganz von Rebenterrassen gebildet ist.

Von Bremm nach Alf - Seite 93 ff.

Geht man von Eller nach Bremm, welches mit seinem hochgelegenen weißen Kirchturme, so freundlich aus den üppigen Rebenhängen herausschaut, so begrüßen den Wanderer schon am Eingange des Orts einige charakteristische alte Häuser, und dann weiter solche, die von dem langen Wohlstande des Ortes reden. Manche Türeinfassung, manches Fenster weist in Stein gemeißelte spätgotische Verzierungen, Hausmarken und Wappen auf, über einem der Fenster sehen wir auf Wappenschildern in zierlichem spätgotischem Maßwerk das Handwerkszeug eines Küfers, Zirkel und Faßbeil.

Bremm hat von jeher sich einen guten Rufes seines Wachstums erfreut und so lassen wir uns zu einem Glase Wein auf der Veranda eines Gasthauses hier nieder. Es ist ein schöner, warmer Herbstabend, kein Lufthauch regt sich, die Fläche des Flusses liegt glatt und unbewegt wie ein Spiegel vor uns. Fast ebenso klar wie das Vorbild gen Himmel strebt, senkt sich das Spiegelbild in die Tiefe. Jede Schieferklippe, jeder Weinbergspfahl, jedes Blatt ist wiedergegeben, und dort, wo die hochsteigende Wand des Calmonds die Spiegelung des Himmels verhindert, hat man kaum das Gefühl, ein Gewässer zu erblicken, man glaubt fast, daß hier die Weinbergsterrassen mit ihren grünen Reben, bis tief in die Erde, tiefer wie die hellen Wiesen des Vorlandes, hinuntersteigen. Uns gegenüber senkt der niedrige Ausläufer des Petersberges seine Schroffen und Weinberge zu den Fluten, die unter seinem Bilde, eine feurige Abendwolke im Flusse aufleuchten lassen.

Es ist nun Zeit, daß wir aufbrechen, um das noch 6 Kilometer von hier entfernte Alf zu erreichen. Wir wandern weiter dem Flusse entlang, der genau dieselbe Richtung hier von Bremm nach Neef einhält, die er von Eller bis nach Bremm gezogen ist. Es ist schwer, sich vorzustellen, daß wir uns jetzt, dem jenseits des zackigen Berggrates des Petersberges liegenden Orte Eller bis auf kaum tausend Schritte wieder nähern. Auf unserer Rechten zeigt sich nun eine Kapelle mit morschem Holzgewölbe, welche eine recht realistisch ausgeführte große alte Kreuzigungsgruppe birgt, dann erblicken wir die Häuser von Neef auf dem anderen Moselufer, hinter welchen wir die Fortsetzung des Moseltales zu sehen glauben.

Ein steiles Felsgebirge scheint unsere Straße sperren zu wollen und nun, wo wir diese Gebirgskante umschritten haben, tritt plötzlich ein vollständiger Kulissenwechsel ein.

Wir schauen in ein breites, anmutiges Flußtal, zu welchem sich von beiden Seiten das Gebirge in sanften Linien hinuntersenkt. Ein langer Bergzug schließt in der Ferne das Tal, dessen höchster Punkt, von einem Turm gekrönt, gerade den Mittelpunkt des Bildes einnimmt. Es ist der Prinzenkopf bei Alf, der einen Aussichtsturm trägt. Rechts zieht sich Aldegund den Berg hinauf, der hohe Turm seiner neuen Kirche erreicht fast die Turmhöhe des alten romanischen Gotteshauses, welches an der höchsten Stelle des Ortes erbaut ist.

Das, was uns vorhin als die Fortsetzung des Moseltales schienen war, weist sich nun als das Tal des kleinen Neefbaches aus, welches den schroffen zackigen Felsgrat, der die Peterskapelle trägt, landeinwärts weiter begleitet, und an dessen Stelle sich nun ein niedrigeres Gebirge an die Mosel schiebt.

Auf dem Gipfel des Petersberges zeigt sich von hier das Eulenköpfchen, ein Aussichtspunkt, der noch höher wie die Kapelle liegt, und diese nach unserer Seite hin verdeckt, wir erkennen ihn an der feinen Linie des Geländers, die sich gegen den Himmel zeichnet.

Neef, dem wir nun gegenüber angelangt sind, ist ein kleiner Ort. Auf sein ehrwürdiges Alter weist sein großes Burghaus hin, welches an Größe und Höhe alle übrigen Häuser des Ortes überragt. Außer seinen altertümlichen Größenverhältnissen zeigt nur der Rest eines romanischen Fensters, daß wir hier noch einen Zeugen der Hohenstaufenzeit vor uns haben. Der wohl ebenso alte einfache Kirchturm, der einzige Rest der nun verschwundenen Kirche, ist so niedrig, daß nur sein Dach sich über die davorliegenden Häuser erhebt.

Die Eisenbahn, welche den Petersberg mit einem Tunnel durchbohrt hat, ist nun zum ersten Male auf dem rechten Moselufer angelangt, aber nur, um dasselbe nach vier km. wieder zu verlassen. ...


Die Texte wurden vom Originaldokument (mit evtl. Fehlern) übernommen, ohne Anpassung an die aktuelle deutsche Rechtschreibung. Druck und Verlag: P. Hauptmann, Bonn
Weitere Zeichnungen von C. Hauptmann finden Sie in der Rubrik Künstler.
Text zur Verfügung gestellt von Franz Josef Blümling, Zell (Barl)
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